28.08.2026

Biodiversität als Investmentthema: Engagement im Chemiesektor

Ökonomische Relevanz von Biodiversität im Asset Management am Beispiel der Chemiebranche

Biodiversität als Grundlage wirtschaftlicher Stabilität

Biodiversität, auch biologische Vielfalt genannt, beschreibt die Vielfalt des Lebens auf der Erde. Sie umfasst die Vielfalt von Ökosystemen, die Artenvielfalt sowie die genetische Vielfalt innerhalb einzelner Arten. Diese Ebenen sind eng miteinander verbunden und bilden die Grundlage stabiler und leistungsfähiger Ökosysteme.

Funktionierende Ökosysteme erbringen zentrale Naturleistungen wie sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Bestäubung, Klimaregulierung und Luftreinigung. Diese Leistungen sind nicht nur ökologisch bedeutsam, sondern auch wirtschaftlich relevant. Sie ermöglichen Produktion, stabilisieren Lieferketten und sichern langfristige Wertschöpfung. [1]

Der Zustand der Biodiversität verschlechtert sich deutlich. Seit 1970 sind die überwachten Bestände wildlebender Wirbeltiere im Durchschnitt um rund 73 Prozent zurückgegangen, bei Süßwasserarten liegt der Rückgang sogar bei rund 85 Prozent. [2] gleichzeitig stehen zentrale Ökosystemleistungen zunehmend unter Druck. Der Verlust ausgewählter Naturleistungen wie Bestäubung, marine Fischerei und Waldleistungen könnte ab 2030 jährliche globale Wohlstandsverluste von bis zu 2,7 Billionen US-Dollar verursachen. Wesentliche Treiber dieser Entwicklung sind Landnutzungsänderungen, landwirtschaftliche Expansion, Übernutzung natürlicher Ressourcen, Verschmutzung und Klimawandel. [3]

Biodiversität als wirtschaftlicher Faktor im Asset Management

Die wirtschaftliche Relevanz von Biodiversität ergibt sich zunächst aus der Abhängigkeit vieler Geschäftsmodelle von funktionierenden Ökosystemen. Naturleistungen wie Wasserverfügbarkeit, Bodenfruchtbarkeit, Bestäubung oder Klimaregulierung bilden für zahlreiche Branchen eine wesentliche Grundlage operativer Wertschöpfung. Werden diese Leistungen beeinträchtigt, können daraus wirtschaftliche Risiken entstehen, etwa durch höhere Produktionskosten, regulatorische Eingriffe, Standortrestriktionen, Lieferkettenstörungen oder veränderte Nachfrage.

Für Asset Manager wird Biodiversität vor allem dort materiell, wo naturbezogene Risiken auf Umsatz, Margen oder Cashflows durchschlagen können. Diese Risiken lassen sich nicht ausreichend über den Hauptsitz eines Unternehmens bewerten. Entscheidend ist vielmehr, wo Unternehmen tatsächlich produzieren, welche physischen Vermögenswerte sie betreiben und welchen lokalen Umweltbedingungen diese Standorte ausgesetzt sind.

Eine georäumliche Betrachtung hilft, besser zu verstehen, welcher Anteil der Umsätze an Standorten mit erhöhtem naturbezogenem Risiko erwirtschaftet wird. Die wirtschaftliche Dimension ist erheblich: Aktuelle Analysen zeigen, dass 55 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, rund 58 Billionen US-Dollar, moderat oder stark von Naturleistungen abhängig sind. Diese makroökonomische Abhängigkeit spiegelt sich auch auf Kapitalmarktebene wider. So zeigen Analysen eines globalen Aktienuniversums, dass Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von rund 7,3 Billionen US-Dollar hohen Risiken im Zusammenhang mit der Wasserverfügbarkeit ausgesetzt sind. Bei Verschmutzungsrisiken liegt die potenzielle Umsatzexposition sogar bei mehr als 32 Billionen US-Dollar beziehungsweise rund 52 Prozent der betrachteten Markterlöse.[4]

Für Asset Manager ergibt sich daraus, dass Biodiversität zunehmend in die finanzielle Materialitätsanalyse einfließen kann. Sie ergänzt den Blick auf die Widerstandsfähigkeit von Geschäftsmodellen, die Stabilität künftiger Cashflows und die Qualität langfristiger Erträge.

Der Chemiesektor im Biodiversitätskontext

Der Chemiesektor wurde für diese Betrachtung ausgewählt, weil er die Verbindung zwischen wirtschaftlicher Relevanz, Kapitalmarktbedeutung und biodiversitätsbezogenen Auswirkungen besonders deutlich macht. Die globale Chemieindustrie ist ein zentraler Bestandteil moderner Wertschöpfungsketten. Sie liefert Vorprodukte für zahlreiche Industrien und spielt insbesondere in der Landwirtschaft eine wichtige Rolle. Pflanzenschutzmittel tragen zur Sicherung landwirtschaftlicher Erträge und damit zur globalen Ernährungssicherheit bei.

Gleichzeitig können bestimmte chemische Produkte erhebliche Auswirkungen auf Umwelt und Ökosysteme haben. Verschmutzung, chemische Belastungen und der Einsatz bestimmter Pestizide zählen zu den relevanten Treibern des Biodiversitätsverlusts. Damit steht der Sektor zunehmend im Fokus regulatorischer, gesellschaftlicher und kapitalmarktbezogener Erwartungen.

Dabei ist der Chemiesektor nicht homogen. Grundchemie, Spezialchemie, Agrarchemie und stärker innovationsgetriebene Geschäftsbereiche unterscheiden sich deutlich hinsichtlich Produktprofil, Regulierung, Endmärkten und biodiversitätsbezogener Exposition. Für die Analyse ist daher eine differenzierte Betrachtung erforderlich. Im Fokus dieser Studie stehen insbesondere Unternehmen und Geschäftsbereiche, bei denen Pflanzenschutzmittel, chemische Belastungen oder andere naturbezogene Auswirkungen eine wesentliche Rolle spielen.

Vor diesem Hintergrund arbeiten Chemieunternehmen verstärkt an Wirkstoffen mit verbesserten Umweltprofilen. Dazu zählen höhere Selektivität, geringere Auswirkungen auf Nichtzielorganismen wie Bestäuber sowie Lösungen zur Reduktion unbeabsichtigter Expositionen. Produkte mit erhöhten regulatorischen oder ökologischen Risiken werden zunehmend aktiver gemanagt und, soweit möglich, ersetzt oder aus dem Portfolio genommen. Gleichzeitig fließen Nachhaltigkeitskriterien stärker in Forschungs- und Entwicklungsprozesse ein, sodass potenzielle Risiken bereits in frühen Entwicklungsphasen berücksichtigt werden können.

Für Asset Manager ist dabei nicht allein entscheidend, ob einzelne nachhaltigere Produkte entwickelt werden. Wesentlich ist, ob Biodiversitätsaspekte systematisch in strategische Entscheidungen, Investitionsplanung, Produktentwicklung, Zulassungsprozesse und Risikosteuerung integriert sind. Erst dadurch lässt sich beurteilen, ob ein Unternehmen regulatorische Anforderungen lediglich erfüllt oder Biodiversität als Bestandteil einer langfristig resilienten Geschäftsstrategie verankert.

Der regulatorische Rahmen verstärkt diese Entwicklung. Internationale und europäische Initiativen, darunter das Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework, die EU-Biodiversitätsstrategie, TNFD sowie CSRD und ESRS E4, erhöhen die Anforderungen an Reduktion, Messung und Offenlegung biodiversitätsbezogener Risiken. Für Asset Manager verbessert sich dadurch schrittweise die Informationsgrundlage. Entscheidend wird, Unternehmen nicht pauschal zu bewerten, sondern deren Transformationsfähigkeit, Transparenz und Steuerungsqualität differenziert einzuordnen.

Relevanz und Impact biodiversitätsorientierter Finanzprodukte

In gängigen, breit diversifizierten Aktien- und Anleiheindizes liegt das Benchmarkgewicht des Chemiesektors in der Regel zwischen ein und vier Prozent. Das absolute Gewicht von Chemieunternehmen in den relevanten Indizes erscheint damit auf den ersten Blick überschaubar. Ein differenzierteres Bild ergibt sich jedoch bei Betrachtung der Biodiversitätsauswirkungen: Im MSCI World Index erreicht der Chemiesektor einen Impact-Score von 8% und weist damit die dritthöchste Biodiversitätswirkung aller Sektoren auf.[5] Höher liegen lediglich der Sektor Nahrungsmittelprodukte mit 18% sowie der Energiesektor mit 13%. Dies verdeutlicht, dass die Biodiversitätsauswirkungen des Chemiesektors trotz eines überschaubaren Benchmarkgewichts deutlich überdurchschnittlich sind.

 

Industrie Ranking
Tabelle 1: Top 10 industry ranking based on percentage of average normalised impact scores for the top 250 companies analysed.

Quelle: https://www.financeforbiodiversity.org/wp-content/uploads/Top10_biodiversity-impact_ranking.pdf

Biodiversitätsbezogene Risiken in diesem Sektor sind daher nicht nur für thematische Nachhaltigkeitsstrategien von Bedeutung, sondern können auch für klassische, benchmarknahe Investmentansätze relevant werden. Dies gilt insbesondere dort, wo Portfolios eng an marktbreiten Indizes ausgerichtet sind und sektorale Risiken nicht ohne Weiteres durch Ausschlüsse oder starke Untergewichtungen reduziert werden können.

Die empirische Studienlage zu den langfristigen Effekten von Benchmarks, Fonds und ETFs mit explizitem Biodiversitätsbezug ist bislang noch begrenzt. Dies liegt zum einen an der heterogenen Auswahl der untersuchten Indizes und Finanzprodukte, zum anderen an der noch kurzen Markthistorie vieler biodiversitätsorientierter Anlagelösungen. Aussagekräftige Langzeitreihen fehlen daher weitgehend.

Zudem ist zu berücksichtigen, dass solche Produkte erst durch den regulatorischen Rahmen der EU-Offenlegungsverordnung, insbesondere im Kontext von Artikel-9-Produkten, eine stärkere marktseitige Verankerung erfahren haben. Die dynamische Entwicklung dieses Regulierungsrahmens kann dazu führen, dass sich bestimmte Effekte erst zeitverzögert in Mittelzuflüssen, Produktangeboten oder Performancekennzahlen zeigen.

Active Ownership als Hebel für nachhaltige Unternehmensentwicklung

Als institutioneller Asset Manager verstehen wir verantwortungsvolles Investieren nicht als starres Konzept, sondern als Bestandteil realitätsnaher Anlageuniversen und kundenspezifischer Anforderungen. Je nach Mandat, Fondsstrategie und Nachhaltigkeitspräferenz stehen unterschiedliche Maßnahmen zur Verfügung, um Biodiversitätsaspekte im Fondsbereich stärker zu berücksichtigen. Unabhängig von einzelnen Produktlösungen verfolgen wir als Helaba Invest zudem einen übergreifenden Engagement-Ansatz, um relevante Nachhaltigkeits- und Risikothemen systematisch im Unternehmensdialog zu adressieren.

Active Ownership beschreibt die aktive Wahrnehmung von Aktionärsrechten. Dazu zählen für uns sowohl der konstruktive und zielgerichtete Dialog mit Unternehmen als auch die Stimmrechtsausübung. Als Helaba Invest verstehen wir Engagement nicht als Selbstzweck, sondern als Instrument, um Risiken besser zu verstehen, Transparenz zu erhöhen und Unternehmen bei der Weiterentwicklung nachhaltiger Geschäftsmodelle zu begleiten.

Unser Engagement-Ansatz ermöglicht es, über öffentlich verfügbare Daten hinaus qualitative Einschätzungen zu Strategie, Governance, Transformationsfähigkeit und Zielsysteme zu gewinnen. Gerade bei Biodiversität ist dieser Dialog relevant, weil Daten, Standards und Messmethoden noch weniger ausgereift sind als in anderen Nachhaltigkeitsbereichen. Darüber hinaus ermöglicht uns der Unternehmensdialog, Erwartungen klar zu adressieren und Unternehmen dazu anzuhalten, ihre Nachhaltigkeitsprofile zu stärken, biodiversitätsbezogene Risiken systematischer zu steuern und ihre Attraktivität für langfristig orientierte Anleger zu erhöhen.

 

Erfogreicher Engagement Prozess

Engagement Prozess

Unser Engagement-Dialog mit führenden Chemieunternehmen

Naturbezogene Risiken rücken zunehmend in den Fokus institutioneller Investoren – vergleichbar mit der Entwicklung, die Klimarisiken in den vergangenen Jahren durchlaufen haben. Der Chemiesektor, insbesondere der Bereich Pflanzenschutzmittel, steht dabei im Zentrum der Aufmerksamkeit, da hier direkte Wirkungszusammenhänge zwischen Produkten und dem Verlust biologischer Vielfalt bestehen.

Vor diesem Hintergrund sind wir mit zwei führenden Unternehmen der Branche – BASF SE, Bayer AG und in den Dialog getreten. Ziel war es, die realen Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf Biodiversität besser zu verstehen, den Umgang der Unternehmen mit bestehenden Kontroversen einzuordnen und konkrete Ansatzpunkte für eine nachhaltigere Ausrichtung der Branche zu identifizieren.

 

Auswahlkriterien der teilnehmenden Unternehmen

Die Auswahl der Unternehmen erfolgte auf Basis folgender Kriterien:

  • Zum Zeitpunkt bestehende „Orange Flag“-Einstufung im Bereich Umweltkontroversen gemäß MSCI-ESG-Controversies-Metodologie
  • Relevanz und Gewicht der Unternehmen in gängigen Aktien- und Credituniversen
  • Dokumentierte Kontroversen im Zusammenhang mit Fipronil bzw. anderen bienenschädigenden Wirkstoffen sowie mit dem Export in der EU nicht zugelassener Produkte

BASF

BASF SE war zum Zeitpunkt gemäß MSCI ESG Controversies mit einer „Orange Flag“ im Bereich Umweltkontroversen eingestuft. Hintergrund ist die negative Wirkung des von BASF hergestellten Insektizids Fipronil auf Bienenpopulationen. Der Wirkstoff ist in der Europäischen Union nicht mehr zugelassen, wird jedoch in anderen Absatzmärkten weiterhin von BASF vertrieben.

Bayer AG

Bayer AG war zum Zeitpunkt ebenfalls mit einer „Orange Flag“ im Bereich Umweltkontroversen eingestuft, wobei MSCI die Reichweite der Kontroverse als besonders weitreichend bewertet. Ursächlich ist die Herstellung von Insektiziden aus der Gruppe der Neonikotinoide (u. a. Imidacloprid, Clothianidin), die wissenschaftlichen Studien zufolge mit dem Rückgang von Honigbienenpopulationen in Verbindung gebracht werden. Die Produktion erfolgt über die Sparte Crop Science bzw. die Tochtergesellschaft Bayer CropScience.

Nach vorliegenden Berichten exportierte Bayer trotz eines EU-weiten Verbots weiterhin Pflanzenschutzmittel nach Brasilien, darunter das Insektizid Certero mit den Wirkstoffen Fipronil und Triflumuron. Bayer trägt nach eigenen Marktanteilsangaben zu rund einem Fünftel der weltweiten Pestizidproduktion bei. Zudem liegen die selbst gesteckten Reduktionsziele des Unternehmens – eine Verringerung des Pestizidrisikos um 30 Prozent – unterhalb der im Global Biodiversity Framework verankerten Zielmarke von 50 Prozent.

Weiter wird berichtet, dass Bayer im Jahr 2023 vorgeworfen wurde, europäischen Aufsichtsbehörden Ergebnisse aus neun Studien zur Neurotoxizität vorenthalten zu haben; als mögliches Motiv wird die Sorge vor dem Verlust von Absatzmärkten für Pestizidprodukte mit umstrittenen Wirkstoffen genannt. Einer ShareAction-Studie zufolge meldete Bayer im Jahr 2018 rund 3.055 Tonnen in der EU verbotener Pestizide für den Export in die Ukraine an; betroffen war unter anderem der Wirkstoff Acetochlor, dem krebserregende und fruchtbarkeitsschädigende Wirkungen zugeschrieben werden.

Syngenta AG

Syngenta AG war zum Zeitpunkt ebenfalls mit einer „Orange Flag“ im Bereich Umweltkontroversen eingestuft; als Ursache wird der weltweite Rückgang von Bienenpopulationen im Zusammenhang mit neonikotinoiden Insektiziden angeführt, unter anderem im Zusammenhang mit dem thiamethoxamhaltigen Produkt Cruiser. Darüber hinaus werden dem Unternehmen Kontroversen in den Bereichen Umwelt, Menschenrechte und Kundenbeziehungen zugeordnet, mit besonderem Fokus auf Biodiversität und Landnutzung, Produktsicherheit sowie wettbewerbsrechtliche Praktiken.

Corteva Inc.

Corteva ist ebenfalls mit einer „Orange Flag“ im Bereich Umweltkontroversen eingestuft, insbesondere wegen des neonikotinoiden Wirkstoffs Sulfoxaflor. Dieser wurde 2019 trotz Einwänden von 13 US-Bundesstaaten von der EPA zugelassen; Kalifornien und Minnesota haben ihn inzwischen vollständig verboten. Im Februar 2025 erklärte ein französisches Berufungsgericht die Marktzulassungen der sulfoxaflorhaltigen Produkte Closer und Transform für nichtig, da das Zulassungsverfahren der Behörde ANSES nicht EU-rechtskonform gewesen sei. Bereits 2015 hatte ein US-Bundesgericht die ursprüngliche EPA-Zulassung wegen unzureichender Datenlage zum Bienenrisiko aufgehoben; die EU verbot die Freilandanwendung 2022 auf Basis von EFSA-Studien, was Corteva zurückwies. Ein Bericht von Greenpeace Unearthed und Public Eye (2020) ordnete zudem einen erheblichen Umsatzanteil dem Verkauf sogenannter „Highly Hazardous Pesticides“ zu.

Zusätzlich steht Corteva wegen seiner gentechnisch veränderten Saatgutsorten in der Kritik: Umweltverbänden zufolge trage der Anbau herbizidresistenter Sorten zum Rückgang von Bestäubern bei, zudem berichten Landwirte von Auskreuzungen und Sortenverlust. Die GM-Produkte sind in über 50 Ländern Gegenstand regulatorischer Konflikte, etwa im Zusammenhang mit Mexikos Importverbot für GM-Mais (2020) sowie aktuellen Fällen in Kolumbien (2025, Abhängigkeit von Saatgutkonzernen) und Südafrika (2025, GM-Raps-Freilandversuche).

Auf dieser Grundlage wurden BASF SE, Bayer AG, Syngenta AG und Corteva Inc. als Engagement-Partner identifiziert. Das Engagement wurde im Zeitraum Q2 2025 bis Q1 2026 durchgeführt.

Stufen der Kontaktaufnahme

Im Mittelpunkt standen vier zentrale Fragestellungen:

  • Erstens: Inwieweit werden Biodiversitätsrisiken bereits in der Produktentwicklung berücksichtigt? Aus Analyseperspektive ist relevant, ob Unternehmen mögliche Auswirkungen auf Böden, Gewässer, Bestäuber und andere Nichtzielorganismen frühzeitig in Forschung und Entwicklung einbeziehen.
  • Zweitens: Welche Strategien bestehen zur Reduktion besonders schädlicher Wirkstoffe? Hier geht es nicht nur um die Einhaltung regulatorischer Mindeststandards, sondern auch um die Frage, ob Unternehmen problematische Produkte aktiv managen, ersetzen oder auslaufen lassen.
  • Drittens: Wird eine Transformation hin zu biobasierten oder weniger umweltschädlichen Alternativen geplant oder bereits umgesetzt? Dabei ist zu berücksichtigen, dass Entwicklungszyklen im Chemiesektor lang sind und für bestimmte Anwendungen derzeit noch keine gleichwertigen Alternativen verfügbar sind.
  • Viertens: Wie messen und berichten Unternehmen ihre naturbezogenen Abhängigkeiten, Auswirkungen und Risiken? Für die Bewertung ist entscheidend, ob Unternehmen über belastbare Daten, standortbezogene Analysen und nachvollziehbare Kennzahlen verfügen.

Die Gespräche zeigen, dass das Bewusstsein für Biodiversitätsrisiken im Sektor zunimmt. Gleichzeitig bestehen weiterhin deutliche Unterschiede in der strategischen Umsetzung und im Ambitionsniveau der Unternehmen. Europäische Unternehmen unterliegen stärkeren regulatorischen Vorgaben und positionieren sich in diesem Umfeld teilweise als Vorreiter bei der Entwicklung weniger umweltschädlicher oder biobasierter Alternativen.

Gleichzeitig bleibt die Transformation anspruchsvoll. Für einige herkömmliche Pestizide sind derzeit noch keine gleichwertigen biobasierten Alternativen verfügbar. Hinzu kommen lange Entwicklungs- und Zulassungszyklen. Viele Unternehmen zeigen sich grundsätzlich offen, Biodiversität stärker zu berücksichtigen, verweisen jedoch auf regulatorische Unsicherheiten, fehlende einheitliche Messmethoden und die Notwendigkeit belastbarer quantitativer Bewertungsmaßstäbe.

Auffällig ist zudem, dass Nachhaltigkeitsziele mittlerweile häufig Bestandteil der Vorstandsvergütung sind, quantitative Biodiversitäts-KPIs jedoch noch nicht ausreichend in die Unternehmenssteuerung integriert sind. Eine stärkere Verankerung solcher Kennzahlen könnte dazu beitragen, das Ambitionsniveau auf Vorstandsebene zu erhöhen und Fortschritte messbarer zu machen.

Für die weitere Engagement-Arbeit ergeben sich daraus klare Erwartungsfelder: Unternehmen sollten biodiversitätsbezogene Risiken systematischer erfassen, relevante Produktgruppen transparent steuern, Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten stärker auf verbesserte Umweltprofile ausrichten und belastbare Ziele sowie Fortschrittskennzahlen entwickeln. Ebenso wichtig ist die Integration dieser Themen in Governance, Risikomanagement und Offenlegung.

Fazit: Engagement als Brücke zwischen Biodiversitätsrisiko und Investmententscheidung

Der Verlust der Biodiversität entwickelt sich zunehmend zu einem relevanten Thema für Wirtschaft, Unternehmen und Kapitalmärkte. Für den Chemiesektor bedeutet dies, dass eine nachhaltigere Ausrichtung nicht nur regulatorisch an Bedeutung gewinnt, sondern auch für langfristige Wettbewerbsfähigkeit und Kapitalmarktfähigkeit relevant sein kann. Eine pauschale Bewertung des Sektors ist dabei nicht zielführend. Entscheidend ist die Differenzierung zwischen Unternehmen. Für die Investmentanalyse ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Biodiversität als ergänzenden Bestandteil der finanziellen Materialitätsanalyse zu betrachten.

Natürlich würden wir uns Pestizide wünschen, die die Biodiversität nicht oder nur in geringerem Maße beeinträchtigen. Derzeit ist dies jedoch noch nicht realistisch. Zum jetzigen Zeitpunkt wollen wir Unternehmen wie BASF und Bayer nicht aus unserem Anlageuniversum ausschließen. Wir sehen Verbesserungen und Zukunftsperspektiven. Wir werden die Branche jedoch weiterhin beobachten und möchten in den kommenden Jahren auch sehen, dass die versprochenen Verbesserungen tatsächlich umgesetzt werden.

Außerdem müssen Probleme hinsichtlich der Biodiversität breiter betrachtet werden. Neben Chemieunternehmen sind auch Lebensmittelproduzenten ein wichtiges Glied in der Kette. Solche Unternehmen haben großen Einfluss darauf, wie Lebensmittel angebaut werden, und damit auch auf die Nachfrage nach Pflanzenschutzmitteln. Aus Sicht des Engagements ist es daher wichtig, diese Unternehmen in Zukunft ebenfalls zu berücksichtigen und mit ihnen in einen Dialog zu treten.

Für uns als Helaba Invest ist Corporate Engagement daher ein zentrales Instrument, um biodiversitätsbezogene Aspekte besser zu verstehen und Unternehmen zu mehr Transparenz, klareren Zielsystemen und glaubwürdiger Umsetzung anzuhalten. Entscheidend ist, Fortschritte nicht nur an Ambitionen, sondern an konkreten Maßnahmen, messbaren Zielen und deren Integration in die Unternehmenssteuerung zu bewerten. Engagement bildet damit eine Brücke zwischen biodiversitätsbezogener Analyse und langfristig orientierter Investmententscheidung.

[1] Vgl. Convention on Biological Diversity
[2] Vgl. WWF, Living Planet Report 2024.
[3] Vgl. FAO, Angaben zur Bedeutung von Bestäubung für die globale Pflanzenproduktion; World Bank, The Economic Case for Nature, 2021.
[4] MSCI / WWF (2026): Identifying nature-related risks: From global portfolios to local risks
[5] https://www.financeforbiodiversity.org/wp-content/uploads/Top10_biodiversity-impact_ranking.pdf

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