Günstige Importe, härterer Wettbewerb und Europas neues China-Dilemma

Quelle: UN Comtrade; eigene Berechnungen
Der aktuelle Konflikt unterscheidet sich dabei grundlegend von dem ersten Handelsschock nach Chinas WTO-Beitritt Anfang der 2000er. Damals erschloss China erstmals die Weltmärkte und wurde zugleich zu einem wichtigen Abnehmer westlicher Industrieprodukte. Heute expandiert der größte Warenexporteur der Welt dagegen bereits aus einer dominanten Position. So stieg Chinas Anteil an den globalen Warenexporten in den letzten Jahren auf über 16 %, während sich der Importanteil zuletzt deutlich unterdurchschnittlich entwickelte (siehe Abbildung 1).
Auch der Wettbewerb hat sich verändert: Vor zwanzig Jahren standen Möbel, Spielzeug und Textilien im Vordergrund. Heute expandiert China in Chemikalien, Maschinen und Green-Tech – also in Branchen, die zum industriellen Kern Europas gehören.
Aus europäischer Sicht ergibt sich damit zunehmend ein Zielkonflikt: Dieselbe Importwelle, die Verbraucher entlastet, Vorleistungen verbilligt und die Dekarbonisierung beschleunigt, setzt Europas Industrie mittlerweile unter erheblichen Wettbewerbsdruck. Für Politik und Investoren stellt sich damit immer dringlicher die Frage, wie mit diesem China-Dilemma umzugehen ist. Viel grundlegender ist jedoch, ob der China-Schock 2.0 nicht zugleich auch China-Chance 2.0 sein kann. Gefährdet der zunehmende Wettbewerb tatsächlich nur Wachstum und Beschäftigung – oder zwingt er Europa auf Dauer nicht vielleicht auch zu einer längst überfälligen Modernisierung – frei nach dem Motto „Konkurrenz belebt das Geschäft“?
Wenn Chinas Binnenmarkt nicht mehr reicht
Um diese Fragen zu beantworten, gilt es zunächst die Ursachen für Chinas Exportboom besser zu verstehen – und ein wesentlicher Schlüssel liegt dabei in China selbst:
Erstens lenkt Chinas angebotsorientierte Politik seit Jahren gezielt Kapital und öffentliche Mittel in strategische Sektoren. Laut OECD erhielt die chinesische Industrie zwischen 2005 und 2024 Subventionen im Umfang von durchschnittlich 2,4 % der Jahresumsätze. Damit lag die Förderung mehr als doppelt so hoch wie in Nordamerika (0,9 %) und rund fünfmal so hoch wie in den europäischen OECD-Ländern (0,4 %). Auch Pekings neuer Fünfjahresplan setzt unverändert auf Expansionskurs: Technologische Unabhängigkeit und industrielle Marktführerschaft haben weiter Vorrang vor einem eher konsumgetriebenen Wachstumsmodell.
Im Endergebnis schafft die chinesische Industriepolitik nicht nur (Über-)Kapazitäten, sondern hält sie auch dann im Markt, wenn Auslastung und Gewinne sinken. Bei Zementunternehmen lag die Kapazitätsauslastung 2024/25 beispielsweise rund acht Prozentpunkte unter dem Durchschnitt von 2018/19. Unter normalen Marktbedingungen würden Unternehmen in einem solchen Fall zunehmend aus dem Markt ausscheiden. In China ermöglichen günstige Finanzierung und staatliche Hilfen jedoch oftmals das Fortbestehen.
Zweitens fehlt die heimische Nachfrage, die diese Kapazitäten aufnehmen könnte. Der Immobilienabschwung belastet seit Jahren die Stimmung und Bilanzen der Haushalte; zugleich halten lückenhafte Sicherungssysteme die Vorsorgeersparnis hoch. So fielen im Mai 2026 Chinas Einzelhandelsumsätze um 0,6 % gegenüber dem Vorjahresmonat – von der Corona-Pandemie einmal abgesehen, der schlechteste Wert seit 1990. Auch die private Investitionsnachfrage ist relativ zum BIP in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken.
Vielen chinesischen Unternehmen bleibt damit nur noch die Flucht nach vorn beziehungsweise ins Ausland – und das zu Kampfkonditionen. Die Autoindustrie ist dafür das jüngste Paradebeispiel: Wie in Abbildung 2 zu erkennen, sind die chinesischen Inlandsverkäufe bis Ende Mai um mehr als 20 % zurückgegangen, während die ohnehin schon hohen Fahrzeugexporte um weitere 73 % zunahmen.

Quelle: Bloomberg, China Automotive Tech and Research Center, Tianjin; eigene Berechnungen
In Summe entsteht der China-Schock 2.0 also aus einer Kombination von schwacher Binnennachfrage und gleichzeitigem, politisch gestütztem Kapazitäts- und Technologieausbau. Exporte sichern den chinesischen Unternehmen Auslastung und Cashflow, während Deflation und ein schwacher Renminbi ihre Preisvorteile auf den Weltmärkten verstärken. Aprigliano et al. (2026) zufolge erklärt die schwache Nachfrage innerhalb Chinas tatsächlich seit Ende 2023 rund 58 % des übermäßigen Exportwachstums, gefolgt von Subventionen (23 %), der Nachfrage nach grünen Produkten (11 %) und dem Vorziehen von Exporten vor höheren US-Zöllen (7 %).[1]
Europa unter Druck – mit einem disinflationären Gegengewicht
Für Europa besteht also zumindest noch die Hoffnung, dass sich die chinesische Nachfrageseite irgendwann stabilisiert, selbst wenn man die eigene Wettbewerbsfähigkeit weiter erodieren lässt. Dass Letzteres in der Zwischenzeit allerdings mit weiteren, enormen volkswirtschaftlichen Kosten verbunden sein könnte, veranschaulicht Abbildung 3:

Quelle: NBS, Eurostat, Bloomberg; eigene Berechnungen
Bereits seit 2018 hat der Außenhandel Chinas BIP-Wachstum kräftig gestützt. Im Euroraum war der kumulierte Beitrag dagegen negativ, insbesondere in Deutschland. Dies liegt vor allem an der zunehmenden Ähnlichkeit chinesischer und deutscher Exporte. Analog zu den deutschen haben sich die chinesischen Unternehmen auf Fahrzeuge, Maschinenbau, Chemie und weitere handelbare Industriegüter spezialisiert. Dadurch verschärft sich auch die Konkurrenz auf Drittmärkten.
In den übrigen großen Volkswirtschaften der Eurozone fällt die Belastung dagegen geringer aus. Ein höherer Anteil von Dienstleistungen und Tourismus sowie eine geringere Überschneidung mit dem chinesischen Exportangebot dämpfen hier den Effekt. Spanien ist stärker bei Agrar- und Nahrungsmitteln positioniert, Frankreich verfügt über einen größeren Dienstleistungsanteil. Italien bleibt vor allem im Maschinenbau exponiert, ist gesamtwirtschaftlich jedoch weniger abhängig als Deutschland.
Die negativen Effekte reichen jedoch über den direkten Exporteinfluss hinaus. Nicht nur in China, sondern auch in Europa mindern hoher Wettbewerbsdruck sowie sinkende Preise und Margen die Attraktivität neuer Investitionen. Wichtiger Unterschied ist nur, dass der Staat hierzulande in den betroffenen Branchen nicht systematisch einspringt, um die private Investitionslücke zu füllen oder gar über zu kompensieren. Folglich drohen geringere Investitionen in Maschinen, Forschung und neue Technologien den anfänglichen Wettbewerbsverlust Europas sogar noch zu verfestigen.
Positiv hervorzuheben ist dagegen ein spürbarer Entlastungseffekt über die Importpreise: Im März 2026 lagen die Importstückkosten aus China 5,3 % unter dem Vorjahresniveau, während der Index für den gesamten Extra-Euroraum um 0,2 % anstieg (siehe Abbildung 4). Seit Anfang 2025 summiert sich der Preisrückgang chinesischer Importe auf rund 6,5 %. In der Folge können Verbraucher von einer höheren realen Kaufkraft profitieren und nachgelagerte Unternehmen günstigere Komponenten, Maschinen und Vorprodukte aus China einsetzen.

Quelle: Eurostat
Für einzelne Unternehmen und Branchen kann der Preiskanal daher durchaus Chancen eröffnen. Die gesamtwirtschaftliche Bilanz für Europa bleibt dennoch schwierig. Die Vorteile konzentrieren sich vor allem bei Verbrauchern und Inputnutzern, während Europas industrielle Basis leidet.
De-Risking statt Handelskrieg
Europa sollte dem China-Schock 2.0 daher nicht weiter tatenlos zusehen. Wo Subventionen, Überkapazitäten und staatlich gestützte Finanzierung den Wettbewerb verzerren, braucht es wirksame Gegenmaßnahmen. Breite Zölle wären jedoch die falsche Antwort. Sie verteuern Konsumgüter und Vorprodukte, schwächen den preisdämpfenden Effekt chinesischer Importe und helfen europäischen Unternehmen kaum dabei, verlorene Marktanteile in Asien, Afrika oder Lateinamerika zurückzugewinnen.
Hinzu kommt das Risiko chinesischer Gegenmaßnahmen. Peking kann mit Zöllen, regulatorischem Druck oder Exportbeschränkungen bei seltenen Erden reagieren. Das erhöht die Kosten eines offenen Handelskonflikts und trifft auch europäische Unternehmen unter Umständen hart.
Die bisherigen, auf einzelne Produktgruppen bezogenen Maßnahmen der EU sind nichtsdestotrotz zu ineffektiv. Anti-Dumping-Zölle oder Anti-Subventionsverfahren setzen einen konkreten Schädigungsnachweis voraus und greifen oft erst, wenn sich Handelsströme bereits verschoben haben. Die Zölle auf batteriegetriebene Elektroautos führten beispielsweise lediglich dazu, dass die chinesischen Exporteure auf Plug-in-Hybridmodelle umschwenkten, mit denen sie nun die europäischen Märkte fluten.
Es ist deshalb zu begrüßen, dass die EU derzeit neue Maßnahmen ausarbeitet. Im Optimalfall sollten die nächsten Schritte auf besonders exponierte Branchen und strategische Abhängigkeiten zielen. Sinnvolle Möglichkeiten wären unter anderem schnellere Untersuchungen bei Importschüben, strengere Herkunftsnachweise gegen Umleitungen über Drittstaaten, Buy-European-Kriterien im öffentlichen Sektor sowie eine verpflichtende Diversifizierung kritischer Vorleistungen. Europa sollte sich insbesondere dort schützen, wo strategische Abhängigkeiten die eigene Verhandlungsposition schwächen, und zugleich offenbleiben, wenn chinesische Inputs Kosten senken oder die Dekarbonisierung vorantreiben.
Letztendlich verschafft aber selbst eine optimal ausgestaltete Handelspolitik den heimischen Unternehmen nur mehr Zeit. Echte Resilienz entsteht durch mutige Reformen, die die eigene Wettbewerbsfähigkeit stärken. Neben einem gezielten De-Risking gegenüber China sollte Europas Antwort daher unbedingt auch eine geringere Steuer- und Abgabenlast, weniger Bürokratie, stärkere Investitionsanreize sowie wettbewerbsfähigere Energiepreise beinhalten.
Kapitalmärkte: Gleiche China-Nähe, völlig andere Folgen
Auch aus Sicht von Investoren, die sich in bestimmte Branchen oder Einzelunternehmen engagieren wollen, stellt der China-Schock 2.0 eine komplexe Herausforderung dar: Je nach Geschäftsmodell kann die China-Nähe eines Unternehmens nämlich völlig unterschiedliche Implikationen haben.
Beispielsweise kann ein Einzelhändler seine Einkaufskosten durch günstigere chinesische Waren senken, während ein europäischer Hersteller in derselben Branche Preise und Margen verteidigen muss. Ein Produzent von Batterien oder EV-Komponenten kann zugleich auf chinesische Vorprodukte angewiesen sein und mit chinesischen Anbietern konkurrieren. Ein Luxuskonzern ist von chinesischen Lieferketten weitgehend unabhängig, profitierte in den letzten Jahrzehnten jedoch zunehmend von neuen Absatzchancen im Reich der Mitte.
Eine grundsätzliche Orientierung können folgende Fragen geben: Erstens, wie abhängig sind die jeweiligen Unternehmen von China, das heißt von chinesischer Nachfrage oder Vorleistungen? Und zweitens, wie direkt konkurrieren sie mit chinesischen Anbietern?

Wie Tabelle 1 zeigt, ist insbesondere die Kombination aus hoher Abhängigkeit und starkem Wettbewerb bei einem Unternehmen oder Sektor kritisch. Die Unternehmen im oberen rechten Quadranten benötigen China als Lieferanten oder Absatzmarkt und stehen gleichzeitig unter chinesischem Preis- und Innovationsdruck. Bei einem eskalierenden Handelskonflikt könnten diese Firmen zudem leicht unter Druck geraten. Ein Feld weiter links besteht dagegen weniger direkte Konkurrenz, wodurch die Unternehmen hier die Nähe zu China am besten in Kosten- und Margenvorteile ummünzen können. Trotzdem bleiben sie aufgrund ihrer Abhängigkeiten potenzielle Ziele chinesischer Gegenmaßnahmen. Von einer aktivistischeren Handelspolitik der EU würden dagegen wohl am ehesten die Unternehmen im unteren rechten Quadranten profitieren – sie sind aber auch bereits im Status quo mit am stärksten betroffen.
Schlussendlich kann diese Einordnung bei der Analyse des China-Schocks 2.0 aber nur als grober Ausgangspunkt dienen. Entscheidend ist, wie sich Chinas Expansion im Einzelfall auf Absatz, Margen und die Bilanz der Unternehmen auswirkt. Dabei wird man als Investor kaum auf eine detaillierte Analyse des jeweiligen Geschäftsmodells und der individuellen Risiken verzichten können.
Fazit
Unser Urteil ist klar: Der China-Schock 2.0 ist für Europas Industrie in erster Linie eine Herausforderung. Staatlich gestützter Kapazitäts- und Technologieausbau trifft auf hohe preisliche Wettbewerbsfähigkeit und setzt gerade jene Branchen unter Druck, in denen Europa bislang stark war. Deutschland ist aufgrund seiner Spezialisierung auf Maschinenbau, Fahrzeuge und Chemie dabei besonders exponiert.
Europa sollte darauf weder mit bloßem Abwarten noch mit einem Handelskrieg reagieren. Erforderlich sind gezielte Maßnahmen gegen subventionierte Überkapazitäten und strategische Abhängigkeiten, ohne den preisdämpfenden Nutzen günstiger Importe zu verspielen. Wirkliche Resilienz entsteht jedoch erst, wenn Europa den äußeren Wettbewerbsdruck zum Anlass nimmt, die eigenen Standortbedingungen, Investitionsanreize und Innovationsfähigkeit zu verbessern – und den China-Schock 2.0 so in eine China-Chance 2.0 verwandelt.
Für Investoren übersetzt sich die zunehmende Dominanz Chinas auf den Weltmärkten in ein komplexes Bild: Je nach konkreter Lieferkettenstruktur, Präsenz auf dem chinesischen Markt oder direkter Konkurrenzsituation mit chinesischen Anbietern kann die China-Nähe eines Unternehmens völlig unterschiedliche Implikationen haben. Im Zweifel empfiehlt es sich, von pauschalen Wetten auf Sektor- oder Branchenebene abzusehen und stattdessen mit Hilfe fundierter Einzelanalysen die Gewinner und Verlierer des China-Schocks 2.0 ausfindig zu machen.
[1] Aprigliano, V., Bencivelli, L., Borin, A., Conteduca, F. P., Corsello, F., Federico, S., Giordano, C., Leone, F., Mancini, M., Panon, L., Patrignani, L., and Pica, S. (2026): China Shock 2.0: Structural Drivers and Implications for the Euro Area. Bank of Italy, Questioni di Economia e Finanza (Occasional Papers), No. 1025.
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